
„…und wie erreichen wir die Menschen heute?“, fragte der EAK Niederrhein auf seiner diesjährigen Bußtagsveranstaltung angesichts der Herausforderungen, denen sich beide Kirchen im 21. Jahrhundert gegenübersehen.
Im Anschluß an einen ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Xanten folgten rund 50 evangelische und katholische Christen der Einladung. Der EAK Niederrhein hatte den Journalisten Ulrich Schäfer vom Neukirchner Erziehungsverein, den evangelischen Superintendenten, Pfarrer Hans-Joachim Wefers, als Hausherren und den katholischen Kreisdechanten für den Rhein-Kreis Neuss, Monsignore Guido Assmann, als Podiumsgäste gewinnen können.
Nachdem der Xantener Domprobst, Alfred Manthey, im Gottesdienst berührend nachdenkliche Worte zur Lage seiner eigenen Kirche gefunden hatte und für einen Verzicht auf selbstgewiß-triumphalistische Haltungen plädiert hatte, meinte der Moderator des Abends, Dr. Jürgen Plöhn, EAK-Bezirksvorsitzender, trotz aller Negativmeldungen: Religion hat Konjunktur in Deutschland! Allerdings führe sie die Menschen bislang eher zum Kiosk als in die Kirche. Reißerische Schlagzeilen wie „Wir sind Papst!“ stehen neben seriösen Meldungen wie dieser: „Ein Stelleninserat geht um die Welt. Wie der Kapuzinerorden auf unkonventionelle Weise Aufmerksamkeit auf sich zieht“ (NZZ v. 13.11.2010). Dort habe der Leser etwas über die Prägung unserer Kultur durch christliche Bezüge lesen können – vom „Cappucino“ im Café bis zum Kapuzen-Pullover der Hip-Hop-Kultur!
Ein Zitat Angela Merkels vom CDU-Parteitag leitete über zu den konkreten Problemen: „Unser Land leidet im Übrigen nicht an einem Zuviel an Islam, sondern an einem Zuwenig an Christentum“ (F.A.Z. v. 16.und 17.11.2010). Am Beispiel „Halloween“ stieg Ulrich Schäfer in seine Problemdarstellung ein: Deutschland erlebe einen Traditionsabbruch, der Auswirkungen auf die Kirchen habe:
Pfarrer Wefers formulierte seine Problemsicht aus der kirchlichen Praxiserfahrung heraus: Gerade für Superintendenten bestimme eine kirchliche Binnenperspektive die Wahrnehmung der Welt. Ein Gemeindepfarrer habe dagegen zumindest über Konfirmandeneltern und Trauernde Kontakte zu Fernstehenden, die angesprochen werden können.
Im Gegensatz zur Binnensicht des kirchlichen Apparates müsse die evangelische wie die katholische Kirche realisieren: Der christliche Glaube ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Unterschied zu früheren Zeiten, in denen Freikirchen ihren Auftrag missionierend verstanden, die Volkskirchen hingegen eher bewahrend, seien nun auch die Großkirchen auf die Evangelisation verwiesen. Dafür müssen sie ihre Glieder dazu befähigen, von ihrem Glauben zu reden: „Sprachfähigkeit“ zu vermitteln, sei daher eine heutige Kernaufgabe. Schon der Wunsch: „Frohe Weihnachten!“ statt eines – beliebigen – „frohen Festes“ sei Ausdruck christlicher Gesinnung und sollte gepflegt werden.
Auch das Experimentieren mit neuen Gottesdienstformen gehöre zu den zeigemäßen „Umbauarbeiten“ am Erscheinungsbild der Kirchen. Und schließlich hätten sich diese auch mit der Frage zu beschäftigen: „Wie finden Erwachsene zum Glauben?“
Monsignore Assmann stellte die Begriffe „Ehrlichkeit“, „Offenheit“ und „Einheit“ als Leitbegriffe für ein glaubwürdiges christliches Zeugnis heute heraus. Erneuerungspotentiale für die Kirchen lägen in einer Mobilisierung der Basis – die aber für die Glaubensinhalte zum Teil erst wiedergewonnen werden müsse. Selbst das traditionell würdige Verhalten in dem nach katholischem Verständnis sakralen Kirchenraum habe seine Allgemeingültigkeit verloren und müsse erst wieder eingeübt werden.
Bei den notwendig gewordenen drastischen Einschnitten in den Etat der Erzdiözese Köln, an deren Umsetzung Assmann beteiligt war, seien die Kinderbetreuungseinrichtungen besonders gut behandelt worden. Allerdings stelle sich die selbstkritische Frage, was eine kirchlich geprägte Erziehung leiste, wenn christliche Inhalte und Verhaltensweisen von biblischen Geschichten bis zum Tischgebet dabei nicht vermittelt würden und in Vergessenheit gerieten.
Das Fazit des Moderators lautete: Kritische Selbstreflexion ist geboten. Denn mit fehlsamen Menschen haben es die Kirchen auch in ihren eigenen Reihen zu tun. Aber Gott als der, der uns „unbedingt angeht“, ermutigt auch heute zum Handeln und hat den Christen die Zusage gegeben, daß seine Kirche von keiner Macht der Welt überwältigt werde. Das gibt auch heute Zuversicht.