EAK Niederrhein besichtigt Kaiserswerther Diakonie

2011-06-24_diakonie_kaiserswerther550Die Reihe sommerlicher Besichtigungstermine – 2008 in Krefeld mit der jüdischen Synagoge begonnen, 2010 in Düsseldorf mit der Johanneskirche fortgesetzt – hat in diesem Jahr den Bezirk Niederrhein zusammen mit dem EAK Düsseldorf in die Kaiserswerther Diakonie geführt. Den Anlaß dafür bot das 175-jährige Jubiläum dieser von dem evangelischen Pfarrer Theodor Fliedner 1836 gegründeten Einrichtung.

Dabei kann die Kaiserswerther Diakonie nicht nur auf ein stolzes Alter, sondern auch auf sehr bedeutende Leistungen verweisen: Die Krankenpflege hat sie weit über die deutschen Grenzen hinaus reformiert und geprägt. Florence Nightingale, berühmteste Schülerin der Lehranstalt, hat hier ihre Kenntnisse erworben. Wie viele Menschenleben durch ordentliche und hygienisch einwandfreie Pflege von Kranken und Verwundeten haben gerettet werden können, vermag niemand zu sagen. Wir verdanken den Kaiserswerther Diakonissen jedoch sehr viel.

Schwester Ruth Felgentreff (Jahrgang 1924) hielt um 18 Uhr die Abendandacht der Schwesternschaft, mit der die Führung in der hellen neogotischen Anstaltskirche begann. Zur großen Freude der Gruppe war die ausgewiesene Historikerin bereit, im Anschluß an die Andacht aus dem Stand heraus einen Überblick über die gesamte Existenz der Kaiserswerther Schwesternschaft zu geben: ihre rasche, dynamische Entwicklung im 19. Jahrhundert, ihren Höhepunkt hundert Jahre nach der Gründung mit rund 2.000 Schwestern, die zunehmenden Schwierigkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, Neuorientierungsversuche und die heutige Lage mit 140 lebenden, davon jedoch nur noch 30 aktiven Schwestern. Die Organisation habe ihre Zeit gehabt, sei aber Wandlungen ausgesetzt, die die gesamte Gesellschaft träfen, resümierte Schwester Ruth. Dabei ließ sie ein lebendiges Bild entstehen von einer Organisation, die jungen Frauen eine qualifizierte berufliche Ausbildung verschafft habe, zu der für die Krankenpflege medizinische Kenntnisse ebenso gehört haben wie eine Vertiefung des christlichen Glaubens. Sehr früh kam auch die Ausbildung von Lehrerinnen als zweiter möglicher Bildungsgang dazu. Die Rüschenhaube der Diakonissen, in späterer Zeit als altmodisch belächelt, hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch einen wichtigen, statusanzeigenden Charakter: Die Schwester war „unter der Haube“ und hatte damit in der Gesellschaft den gleichen angesehenen Stand wie eine verheiratete Bürgersfrau.

Dr. Jürgen Plöhn ergänzte die historische Rückschau durch Dokumente aus dem Besitz seiner Großmutter A. Luise Weller, die vor dem Ersten Weltkrieg bei den Kaiserswerther Diakonissen eine Krankenpflegeausbildung durchlaufen hatte und daraufhin im Ersten Weltkrieg als Lazarettschwester im Einsatz war. Dank ihrer Ausbildung gelang es ihr als Gehilfin des behandelnden Arztes, den dritten deutschen Soldaten, der während des Krieges an Flecktyphus erkrankt war, gesund zu pflegen, nachdem in anderen Spitälern die ersten beiden Fälle dieser Krankheit zum Tode der Patienten geführt hatten.

Die Gruppe nutzte die große Flexibilität und Sachkunde ihrer Führerin, Ricarda Bremer, sich anschließend witterungsgemäß im ehemaligen – bemerkenswert aufwendig renovierten – Schwesternkrankenhaus ausführlich die künstlerische Arbeit in der Paramentenwerkstatt und die musealen Teile der Anlage zeigen zu lassen. Denn zu der traditionellen Arbeit der Schwesternschaft gehört auch die Herstellung von Behängen für Altar und Kanzel (Paramente oder Antependien), die in den Kirchenräumen durch die liturgischen Farben die jeweilige Zeit des Kirchenjahres anzeigen. Auch in diesem Tätigkeitsbereich zeigen sich, wie Frau Bremer erläuterte, Probleme durch gesellschaftliche Veränderungen. Die künstlerische Qualität der geschaffenen Paramente wie auch der Einfallsreichtum bei der Realisierung flexibler und theologisch aussagekräftiger Gestaltungen wirkte indes beeindruckend.

Tracht und Bett, unter dem stets ein gepackter Koffer zu liegen hatte, Dreieckstuch und Pflegebuch, Krankentrage und Hörrohr ließen ein Bild von der Lebenswirklichkeit der Schwestern entstehen; Bilder und Bücher gaben einen Eindruck von Theodor Fliedners Umgebung und Gedankenwelt.

Die Teilnehmer zeigten sich erfüllt von den Eindrücken. Manch einer bekundete die Absicht, zum großen Jubiläumsfest am 11. September 2011 erneut nach Kaiserswerth kommen zu wollen.

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