Ein Japaner für Viersen

inadomeDer EAK-Kreisverband Viersen hat einen neuen Vorsitzenden. Nach dreißig Jahren hat Hans-Henning von Bassewitz seine Führungsfunktion abgeben können. Am 12. September 2011 wählten die anwesenden Mitglieder des Kreisverbandes den aus Japan stammenden Yasuo Inadome zum neuen EAK-Kreisvorsitzenden. Herr Inadome hat bereits als Vorsitzender eines EAK-Ortsverbandes in Willich auf sich aufmerksam gemacht. Der

Kreisvorsitzende der CDU, Dr. Marcus Optendrenk, dankte Hans-Henning von Bassewitz mit persönlichen Worten sehr herzlich für sein langjähriges und nachdrückliches Engagement. Dieser zieht sich nicht völlig zurück, sondern bleibt seinem Nachfolger neben Marion Teuber Helten in der Funktion eines der beiden stellvertretenden Vorsitzenden als erfahrener Partner erhalten.

Der neugewählte Vorsitzende hielt ein Kurzreferat zu Entstehung und Zweck des EAK, wobei er den Begriff der „Union“ nach alter deutscher Tradition mit der evangelischen Seite in Verbindung brachte, wohingegen „Liga“ begrifflich eher auf einen katholischen Zusammenschluß hindeute. Eine konkrete Parallele zog Inadome zwischen Demokraten in der Weimarer Republik und Christen in der heutigen Bundesrepublik Deutschland: Die erste deutsche Republik sei nicht an einer Überzahl an Feinden, sondern an einer zu geringen Anzahl an Verteidigern zugrunde gegangen. Ähnlich seien wir heute herausgefordert, uns gegenüber Muslimen offen als Christen zu bekennen.

eppelmannMit Rainer Eppelmann hatte der EAK Viersen am 12. September 2011 einen echten deutschen Revolutionär zu Gast, der fünfzig Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer und 22 Jahre nach ihrem Fall in beeindruckender Weise von deren Existenz und Ende zu berichten wußte. Sein Vater sei als „Grenzgewinnler“ bezeichnet worden, weil er mit seiner Familie zwar in Ost-Berlin wohnte, aber im Westteil seiner Arbeit als Zimmermann nachging. Sohn Rainer, vor dem Mauerbau Schüler eines Gymnasiums im Westteil der Stadt, hatte daraufhin nach dem 13. August 1961 keine Chance, in der DDR das Abitur zu machen. Die evangelischen Kirchen in der DDR, die zuvor aus der Bundesrepublik Pfarrer auf Zeit verpflichten konnten, mußten nach dem Mauerbau ihren eigenen Nachwuchs ausbilden. Dafür wurden zwei theologische Fachschulen aufgebaut, die Christen auch ohne Abitur besuchen konnten. Das war die Chance für den jungen Bauarbeiter und verurteilten Wehrdienstverweigerer Rainer Eppelmann: Dank einer kirchlichen Ausbildung konnte er Pfarrer werden. Die westlichen Landeskirchen ermöglichten dem Kirchenbund der DDR, eine hohe Pfarrerdichte beizubehalten, damit in atheistischem Umfeld eine missionarische Wirkung sollte entfaltet werden können.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Biographie legte Rainer Eppelmann in seinem Vortrag besonderen Wert auf die Komponenten „Wissen“ und „Bewußtsein“ der Menschen – heute wie auch schon zu DDR-Zeiten. Eine Umfrage unter heutigen 16- bis 18-jährigen Gymnasiasten habe erschreckende Kenntnislücken in bezug auf die DDR zum Vorschein gebracht: 19% der Befragten aus dieser Gruppe hielten „Erich Honecker“ für einen „alten Bandleader“, 18% „Wolf Biermann“ für einen „langjährigen Generalsekretär der SED“ und 17% „Willy Brandt“ für den 2. Generalsekretär der SED! Ein volles Drittel konnte auf die Frage nach dem wichtigsten Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur keine Antwort geben. Schon heute haben die Unter-30-Jährigen keine eigenen Erinnerungen mehr an die Zeit einer Diktatur. Daher hält Eppelmann die Aussage: „Du sollst nicht vergessen!“, für ein wichtiges Gebot und sieht hierzu auch Möglichkeiten für jeden einzelnen: Zeitgeschichte kann durch Erzählen in der Familie lebendig gehalten werden!

Denn Erinnern tut not, damit die Schrecken nicht vergessen werden und nicht zurückkommen können. Das „Paradies der kleinen Leute“ namens „DDR“, das einen höheren Lebensstandard aufzuweisen hatte als zwei Drittel der Länder der Erde, hat schließlich die größte Flüchtlingswelle nach dem Zweiten Weltkrieg verursacht! Denn der Wechsel von Aufbruch zu Niedergeschlagenheit vollzog sich nach 1945 in der SBZ bemerkenswert rasch. 1953 herrschte bereits allgemeine Desillusionierung angesichts der offenkundigen Unterdrückungsmaßnahmen: Enteignungen von Selbständigen, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Druck auf Christen bei Konfirmation oder Firmung der Kinder, staatliche „Betreuung“ durch kommunistisches Personal und daher Manipulierung der Kinder im Sinne kommunistischer Ideologie.

Später zogen sich Abend für Abend 95% der DDR-Bürger für einen „Schlüssellochblick“ in den Westen in ihre Wohnungen zurück und schalteten das Westfernsehen ein. Geistig lebten sie in einer anderen Welt und standen dadurch in einer ständig wachsenden Spannung zu ihrer tatsächlichen Umgebung.

Freiraum bot die evangelische Kirche – auch für Katholiken, die sich außerhalb des Staates gesellschaftlich engagieren wollten. Die Stimme der evangelischen Christen war angesichts der Einheitlichkeit der parteiamtlichen Propaganda etwas Einzigartiges in der DDR – anders als in der alten wie in der heutigen Bundesrepublik mit ihrem aus dem freiheitlichen Pluralismus entstehenden vielstimmigen Chor. Während manche Kirchenfunktionäre sich in dieser Lage einrichteten, waren die Gemeinden vor Ort für die Menschen die Ansatzpunkte für ihre gemeinschaftliche oppositionelle Bewußtseinsbildung: Von der Nikolaikirche gingen in Leipzig die Montagsdemonstrationen aus, auf die die Parteiführung am Ende keine Antwort mehr zu geben wußte. Dabei waren von der SED gewaltsame Aktionen gegen Demonstranten – wie schon 1953 – auch 1989 ins Kalkül gezogen worden. Wer dennoch demonstrierte, tat dies daher keineswegs mit der rechtsstaatlichen Gewißheit, daß ihm „nichts passieren“ konnte, sondern nach einem Wort Vaclav Havels: Hoffnung ist nicht die Überzeugung, daß eine Sache gut ausgeht, sondern die Gewißheit, daß etwas Sinn hat – egal, wie es ausgeht.

Mit dieser, von einem eigenen Wertebewußtsein – wie es das Christentum vermitteln kann –getragenen Erkenntnis haben Menschen 1989 die Staatsmacht herausgefordert. Dabei war Eppelmann hinsichtlich der Zustände in der DDR wichtig: „Verantwortlich war immer die Partei!“ Und angesichts der nachgewiesenen Wahlfälschungen: „Die sind Kriminelle gewesen – vom Anfang bis zum Ende!“ – Die „Stasi“ stand hingegen als „Schild und Schwert“ der Partei bloß in einer dienenden Funktion. Egon Krenz wollte in letzter Minute den Aufbruch in eine neue Epoche noch dadurch „abbiegen“, daß er nach dem Sturz Erich Honeckers von einer „Wende“ sprach – wie sieben Jahre zuvor Kohl und Genscher im Westen: Das „Staatsschiff“ fährt weiter, es nimmt nur eine Kurskorrektur vor – und Krenz wollte mit seiner Partei „am Ruder“ bleiben. Es kam sehr gründlich anders, weshalb der Ausdruck „Wende“ von Eppelmann – wie von vielen Politikwissenschaftlern – für den Zusammenbruch des Realsozialismus kategorisch abgelehnt wird.

Markant waren schließlich auch Eppelmanns Äußerungen über die Handlungsträger der entscheidenden Ereignisse in Ost und West: Ohne Michail Gorbatschow, Papst Johannes Paul II. und George Bush senior wäre die internationale Lage eine andere gewesen. Die Öffnung der Schlagbäume in Berlin sei aber nicht von der SED oder ihrem Politbüromitglied Günter Schabowski gnädig „gewährt“, sondern von den an den Übergängen stehenden Menschen – darunter er selbst – erzwungen worden. Bemerkenswerterweise bezog Eppelmann jedoch auch den Westen in seine Darstellung ein: Wäre dieser für die Menschen in der DDR nicht so ungemein attraktiv erschienen, hätte niemand die Mauer bauen und niemand sie überwinden wollen.

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