Bußtagsveranstaltung des Bezirksverbandes Niederrhein

2011-11-16_eak_niederrhein„VERANTWORTUNG“ ist nicht neu – aber in aller Munde! Nicht nur die EAK-Zeitschrift nennt sich seit ihrer Gründung „Evangelische Verantwortung“. Nein, auch das Beilagenheft der Neuen Zürcher Zeitung, „NZZ-Folio“ für November 2011 widmet sich vollständig der Frage: „Verantwortung. Wer übernimmt sie?“ Mit diesen Bemerkungen leitete Jürgen Plöhn als Vorsitzender des EAK Niederrhein die diesjährige Bußtagsveranstaltung des Bezirksverbandes ein.

Pfarrer Andreas Rudolph hatte bereits im vorangegangenen Gottesdienst durch seine Predigt in der Mönchengladbacher Christuskirche die Anwesenden auf die Verantwortungsproblematik eingestimmt: Er erinnerte an die Erzählung vom Paradies und Sündenfall, nach der jeder der Beteiligten die Schuld für die Verletzung des Gebotes Gottes auf einen anderen schiebt, und an die Geschichte von Kain und Abel, nach der Kain sich Gott gegenüber unwissend hinsichtlich seines Bruders gibt, nachdem er ihn gerade erschlagen hat. – So ist der Mensch.

Mit einem Rückgriff auf seine Habilitationsschrift erinnerte Plöhn daran, daß die uns so geläufige Rede von der Verantwortung vor 100 Jahren noch keineswegs selbstverständlich war. Das große evangelisch-theologische Lexikon „RGG“ – „Religion in Geschichte und Gegenwart“ - begnügte sich in seiner Ausgabe von 1913 noch ohne einen inhaltlichen Artikel mit einem redaktionellen Hinweis auf andere Stichworte: Charakter, Moralstatistik, Willensfreiheit und Zurechnung. Vor 40 Jahren hat dagegen der evangelische Intellektuelle Georg Picht „Verantwortung“ als einen Begriff verstanden, der geeignet sei, „die Struktur der Universal­geschichte, die Struktur von Politik und Gesellschaft und das ethische Verhalten des Einzelnen zu erhellen“. Bei aller Unterschiedlichkeit der Konzeptionen betonte Plöhn die von Philosophen herausgearbeiteten Komponenten der Verantwortung:

- „Jemand“ ist verantwortlich: ein Träger oder Subjekt der Verantwortung.
- Jemand ist für „etwas“ verantwortlich: einen Handlungsbereich – ein Kind oder Partner, die Stadtentwicklung von Mönchengladbach oder die Sicherheit Deutschlands.
- Diese Verantwortung besteht vor einer „Instanz“ – zum Beispiel dem eigenen Gewissen oder dem Parlament.
- Und diese Instanz bewertet das Tun und Lassen nach eigenen Kriterien – einem Gesetz, den Regeln der Kunst, dem eigenen Vorteil oder was auch immer.

Was das im einzelnen heißen kann, machten die Podiumsgäste deutlich:

Der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss, Hermann Schenck, bezog sich auf das Gewissen als erste Instanz der Verantwortung. "Verantwortungsethik" im Sinne Max Webers war ihm wichtig. In welcher Form die christlichen Kirchen heute eine Schärfung des Gewissens anstreben, zeigte er inhaltlich anhand der Denkschriften der EKD und gemeinsamer Papiere der großen christlichen Kirchen. Deren argumentative Beiträge zu Fragen von Politik und Gesellschaft bieten vielfältige Hinweise auf erwägenswerte Sachverhalte und Anfragen an Entscheidungsträger. Dies gilt insbesondere auch für Papiere, die sich mit der Bewahrung der Schöpfung befassen.

Der Viersener Abgeordnete Uwe Schummer, in seinem Wahlkreis direkt in den Deutschen Bundestags gewählt, erläuterte die Übernahme von Verantwortung anhand seines Lebensweges in die Politik: Aus der katholischen Arbeitnehmerbewegung kommend, hatte er früh ein Interesse an Menschenrechten und der Friedensproblematik gefunden. So versteht Schummer seinen frühen und erfolgreichen Einsatz zu DDR-Zeiten für den Ost-Berliner Wehrdienstverweigerer Nico Hübner (Der Spiegel 22/1979) als ein exemplarisches Eintreten für Schwache. Heute, meinte Schummer, habe die Instanz seiner Verantwortung 80.000 Köpfe: die gesamte Wählerschaft seines Wahlkreises, vor der er sich ständig zu rechtfertigen habe.

Mit Martin Bewerunge, dem „Chef vom Dienst“ der Rheinischen Post, stand schließlich ein Fachmann für Fragen der Vermittlung von Fakten an das Publikum zur Verfügung. Die Verantwortung der Journalisten für unsere Sicht der Welt ist im letzten Jahrhundert wissenschaftlich wie literarisch wieder und wieder thematisiert worden – von Max Webers „Politik als Beruf“ (1919) über „Tatort“-Krimis mit Manfred Krug bis hin zu Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Bewerunge machte deutlich, wie sehr sich der Beruf des Journalisten in den letzten beiden Jahrzehnten unter dem Eindruck des Internets gewandelt hat und warum wir weiterhin eine Tageszeitung benötigen: Auch wenn mittlerweile in deutschen Haushalten ein Netzzugang üblich geworden ist, leistet der Journalist seinen Lesern einen wertvollen Dienst durch das „Filtern“ der Informationsflut und der Weitergabe solider, nachprüfbarer Informationen. Auch die qualifizierte, von der Meldung zu trennende Kommentierung dient dem Leser. Diese Gruppe von Konsumenten stellt damit zugleich die Instanz journalistischer Verantwortung dar.

Vielfältige Wortmeldungen schlossen sich an: Lassen sich Meldungen und Meinungen im Journalismus wirklich voneinander trennen? Wie steht es um unfair erscheinende Berichte? Werden Menschen in öffentlichen Ämtern bei Verfehlungen oder Schwächen von den Medien nicht bisweilen auch „fertiggemacht“?, hieß es mit Blick auf den Journalisten. Handeln Abgeordnete stets selbstlos und ihrem Gewissen gemäß?, wurde der Parlamentarier herausgefordert. Und ob Christen von Naturreligionen nicht einen ehrfurchtsvollen Umgang mit der Schöpfung lernen könnten, sollte der Pfarrer sagen.

War das Kirchenschiff auch kühl, verlief die Debatte gleichwohl lebhaft und engagiert.

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